Die Sache mit N.

Die Sache mit Ned

 

„Nein! Keine Frage werde ich beantworten. Erstens verlange ich zu wissen, wo ich bin, wohin man mich gebracht hat. Obwohl ich keine Straftat begangen habe, wurde ich überwältigt und gewaltsam in diese Einrichtung verbracht.

Zweitens, was ist das hier? Bin ich verhaftet, entführt oder was?

Ich erwarte eine ausführliche Unterrichtung!“

„Sobald die Formalitäten erledigt sind, wird dies geschehen. Doch bis dahin möchte ich mich mit ihnen, sagen wir – unterhalten. Das verkürzt nicht nur die Zeit sondern es entsteht auch keine Langeweile.“

Widerwillig gab Ned nach, lehnte sich in dem Sessel zurück und wartete. Doch sein Gegenüber ließ sich Zeit. Sollte er die Nerven verlieren? Was sollte das Gehabe? Endlich unterbrach der Kittelmensch die Funkstille.

Langsam formte sich ein stockendes Gespräch durch einfache Fragen, patzige Antworten, verstörtes Überlegen.

Wie er sich fühle, ob die Schmerzen ihn sehr beeinträchtigen, wie oft ihn in den letzten Wochen Schwindel erfasst habe.

Nein, er lüge nur in Notsituationen. Außerdem werde jedem immer mal wieder schwindelig. Das läge am Kreislauf. Der laufe dann nicht mehr im Kreis sondern gegen eine Ecke. Und im Übrigen sei er für solche Fragerei zu alt.

Als er sichtlich ermüdete, bot sein Gegenüber eine Pause an und ließ den dankbaren Gesprächspart auf sein Zimmer begleiten. Der junge kräftige Mann musste mehrfach zugreifen um seinen Begleiter zu stützen.

Was war mit ihm los? Nicht nur: wo war er? Auch: was hatte er? War er plötzlich erkrankt? Woran? Wie lautete die Diagnose? Wusste es niemand oder wollte es keiner aussprechen.

Unruhig schlief er. Immer wieder dieser Abgrund. Unergründlich die Tiefe. Und dann sein Auto! Ein alter völlig deformierter Klapperkasten. Kaum war es ihm möglich die Fahrtrichtung zu korrigieren. Eine anwesende, nicht sichtbare Person, griff immer wieder ins Lenkrad. Enger und schmaler wurde der Geröllweg. Näher und näher rückte der Abgrund. Auch das Schrammen an der Felswand half nicht mehr. Der Beifahrer hielt auf den Abgrund zu. Als das Fahrzeug über den Rand schoss, wachte er schreiend auf. Schweißnass sprang er aus dem Bett, den Tisch umklammernd, mit der anderen Hand den Lichtschalter suchend.  Durch die sich öffnende Tür stürzte sein Begleiter herein, Licht  flammte auf, Hände ergriffen ihn und drückten den zitternden Mann auf den Sessel.

Am ganzen Körper zitternd, im Nebel der Panik hörte er eine Stimme.

Irgendwer hielt ihn  fest, sprach beruhigend auf ihn ein. Endlich wirkten die Worte, langsam lösten sie die Krampf. Ruhe kehrte zurück. Die Umgebung wurde sichtbar und Ned erfasste seine Situation. Alles fügte sich zur Normalität. Nur das Gefühl, diese sich stärker beinahe übermächtig werdende Angst wollte nicht weichen. Hartnäckig blieb sie sprungbereit in einem Winkel der Seele sitzen.

 

Eine grässliche Panikattacke in der letzten Nacht, stand in dem Bericht. Der Kittelmensch nickte mit verkniffenen Lippen.

Ob er seinen Albtraum erzählen könnte. Nur in Bruchstücken. Aber es ist oft derselbe. Immer sitzt er in einem Fahrzeug. Eine nicht sichtbare Person greift in die Lenkung und das Fahrzeug stürzt in den Abgrund.

Immer nur eine Auto? Nein, auch ein Flugzeug, das abstürzt oder ein Schiff das versinkt.

Aber immer ist dieser Unsichtbare mit von der Partie?

Ned nickte apathisch.

 

Der junge Mann leistete ihm beim Frühstück Gesellschaft. Vorsichtig, beinah verzögert, waren die Gesten und Handgriffe. Leichtes Zittern verstärkte die Unsicherheit. Immer wieder schüttelte Ned den Kopf. Was war mit ihm los?

Nach der Einnahme war eine Ruhepause vereinbart. Dankbar legte sich Ned auf die Couch.

Irgendetwas muss dem Essen beigemischt worden sein. So ruhig hatte er schon lange nicht mehr schlafen können. Auch der Kittelmensch war bei dem nächsten Gespräch annehmbar freundlich und ließ ihn reden. Die belanglosen Fragen unterbrachen den Redefluss nur scheinbar; denn sie lenkten seine Erinnerungen in eine bestimmte Richtung.

 

Nein, er hatte sein Examen erst im dritten und letzten Anlauf geschafft. Kein Überflieger. Nur ein Durchschnittsstudent. Eigentlich sollte er Chemie studieren. Sowohl sein Lehrer wie auch die Mutter hatten ihn in diese Fachrichtung gedrängt. Aber im letzten Moment brachte ein Aushilfslehrer, der sollte einen Vortrag über kaufmännische und wirtschaftliche Zusammenhänge vor den Schülern halten, eine Richtungsänderung. Betriebswirtschaft, Leiter und Chef eines großen Unternehmens. Das war es.

Vorschläge des Lehrers diese Entscheidung zu überdenken, Mahnungen der Mutter, er sei ein Naturwissenschaftler kein Kaufmann, schlug er in den Wind. In Münster konnte und wollte er studieren.

Und das ging dann schief. Die erste eigene Entscheidung: ein Schuss mit Platzpatronen!

Der Stoff ging ihm drei Semester aus dem Weg. Schriftliche Arbeiten bedurften der intensiven Hilfe von Freunden. Aber irgendwie schaffte er wider Erwarten im dritten Anlauf das Examen. Glücklicherweise wurde er kurz vor dem eigentlichen Termin krank und musste operiert werden. Dank der sozialen Einstellung des Dekans durfte er zu einem späteren Zeitpunkt die Prüfung ablegen.

Durch Einsatz seiner Mutter und diverser Freunde aus der Verbindung, erhielt er eine Anstellung in einem Filialbetrieb des Konzerns. Und von dort ging es dann weiter.

 

Wie schnell die Zeit vergehen kann, wenn man ausschweifend von sich berichten darf.

Es waren zwei Stunden vergangen. Ein Spaziergang würde sicher guttun.

Wieder kam der junge Mann, begleitete ihn in den Garten, erklärte die Anlage und Anordnung der Sträucher, Bäume und Blumenrabatte.

Wer ist die junge Frau dort?

Doch der Begleiter verneinte. Dort war niemand. Alle Mitarbeiter waren mit der Ausgabe des Mittagessens oder anderen Arbeiten beschäftigt. Auch das Gartenpersonal war im Haus.

Aber dort, dort hinten an der Zeder, da stand gerade noch eine junge Frau. Blonde lange Haare, dunkelblauer Rock, beige Bluse. Sie winkte, als sollten wir kommen.

Betroffen blickte der Begleiter in die Richtung. Dann stotternd antwortend, ach ja, das ist Katrin. Sie hilft in der Küche. Wahrscheinlich wollte sie an das Mittagessen erinnern.

Puh, dachte er noch, das war knapp.

Deutliche Wahnvorstellungen, meinte der Chefarzt. Gute Reaktion. Hoffentlich hat unser Patient es nicht bemerkt. Der ist sehr argwöhnisch und wittert überall Böses. Wie macht sich sein Rücken?

Die kurzen Spaziergänge sind kein Problem. Aber ein anderer Stuhl und Sessel wären nötig.

 

Auch in den nächsten Tagen kreiste die Unterhaltung überwiegend um den beruflichen Werdegang. Manchmal kam Ned sich vor wie ein Bergmann. Tiefer und tiefer musste er graben. Manche Fragen seines Interviewpartners stellten sich wie Wegweiser zu einer Umleitung quer auf die Fahrbahn. Richtungswechsel, neue Fragen und verschwommene Antworten. Aber was sollte er sagen auf die Frage, wie er die Zahlen und Ergebnisse der Kostenrechnungen bewerte. Das sie nur den Überblick über die Gesamtlage erhellen oder die Verbesserung von Strukturen aufzeigten.

Doch das ließ sein Gegenüber nicht gelten. Nicht schwammige Redewendungen aus Lehrbüchern seien erbeten sondern klare Aussagen seiner tatsächlichen, rückhaltlosen Bewertung und daraus gewonnener Erkenntnisse.

Na ja. Das sei sehr schwierig, wich er dann immer aus. Aber der Fragende ließ nicht locker. Der aufkeimende Gedanke erschreckte erst, festigte sich dann zur Gewissheit. Die Zahlen sagten ihm nichts! Gar nichts! Überhaupt nichts! Sie langweilten ihn! Auch die Menschen, Mitarbeiter, Untergebene, Angestellte waren ihm gleichgültig! Es gab die Vorgabe der Zentrale. Diese Zahl war bindend. Höhere wurde akzeptiert, niedrigere bestraft. So einfach war das.

Er erinnerte sich noch genau! Kam Frau Striezel doch und monierte ein Diktat. Seine Antwort war klar und deutlich: Achter März als Tussi Kampftag war gestern. Heute habe sie wieder auszuführen und nicht sich überflüssige Gedanken zu machen.

War der Hinweis berechtigt?

Vielleicht.

Trotzdem eine extrem harsche Abfuhr? Haben sie ihr Ziel damit erreicht?

Welches Ziel? Die sollte tun was aufgetragen war. Wenn alle sich einmischen und ihren Senf dazu geben wird nie etwas vollendet. Der Alte Fritz hat so Ähnliches gesagt: Der Bürger mit seiner beschränkten Einsicht hat nicht die Handlungen der Obrigkeit zu beurteilen.

Beurteilungen und Hinweise sind zwei unterschiedliche Dinge? Besonders bei Personen mit denen man zusammenarbeitet?

Mag sein. Aber mich einfach zu kritisieren  ….. das ging zu weit.

 

Ein extremer Fall. Diagnostizierte der Chefarzt. Kritikunfähig, nur übertragene Autorität, Selbstgerecht bis zur Unbelehrbarkeit.

Das zu reparieren, ins richtige Lot zu bringen?

Sehr positiv klingt das alles nicht, meinte Bert. Auch auf dem Rückweg zum Zimmer habe der Patient über die Fragerei geschimpft.

 

Lange saß Ned auf dem Balkon und grübelte. Dort, hinter der Baumreihe,.. sind das Pappeln, begann dort die Welt?

Wie oft musste er kämpfen. Und dann ging es nur um Kleinigkeiten, irgendeinen Quatsch, der sich später von selbst erledigte.

Hier war er geborgen. Fern aller Belastung. Und dem penetranten Frager würde er es schon zeigen.

Schade das Caatje nicht kommen konnte. Sie fehlte ihm. Niemand umsorgte ihn. Das Personal war freundlich, aber mehr auch nicht. Wie sollten sie auch! Caatje sorgte immer für und um ihn. Sie legte ihm die Hemden zusammengefaltet in den Schrank. Oder sorgte für Ordnung in den Zimmern. Abends saßen sie immer zusammen vor dem Fernseher. Shows und Komödien wurden bevorzugt. Keine Probleme, leichtes Dahinsiechen des Gemütes. Und zur Stärkung ein oder mehrere blanke Kleine Kurze, Braune mit Eiswürfeln oder im angewärmten Glas, damit sich der Wohlgeruch besser verbreiten konnte.

Seufzend ruckte Ned im Sessel hin und her.

Je nach Dauer der Sendungen kamen sie spät ins Bett. Vielleicht war es doch die Müdigkeit, wenn sie sich gegenseitig stützten.

Und jetzt waren sie getrennt. Dabei hatten sie nur sich.

In der letzten Zeit sind sie oft getrennt worden. Das war eine schlimme Zeit, als Caatje ins Krankenhaus musste. Sie war immer eine fürsorgliche Ehefrau. Er wartete, bis sie aus der Narkose erwacht. Und was war ihr erster Gedanke: Was er wohl zu Mittag essen konnte. Sie hatte alles für eine Woche vorbereitet. Jeder Topf im Tiefkühlschrank war etikettiert. Er sollte sich nicht scheuen, die Mahlzeit aufzutauen und zu erwärmen. Das würde er bestimmt schaffen. Sie wäre bald wieder da.

So etwas an Fürsorge und Liebe. Er konnte sich nicht beklagen. Im Gegenteil.

Und wie sie den Haushalt führte. Jeder Teller gelangte aus der Spülmaschine nicht nur in den Schrank. Caatje stellte ihn unter die dort vorhandenen. Dafür wurden die vorhandenen Teller aus dem Schrank genommen, der frisch gesäuberte hineingestellt, dann der entnommene Stapel darauf deponiert. So wurde nicht immer derselbe benutzt. Dadurch hielt das Geschirr länger!

Sparsam, wo es nötig und spendabel wenn es angebracht war.

Wie damals in Dresden.

Zum Wiederaufbau der Frauenkirche hatten auch sie ihr Scherflein beigetragen. Die Leute neben ihnen staunten nicht schlecht als Caatje ein erkleckliches Bündel in den Opferstock warf. Nationale Bauten müssen als Wahrzeichen erhalten bleiben. Darin waren sie sich einig. Einige, wahrscheinlich übriggebliebene Berufsjusos der sechziger Jahre, runzelten die Stirn als sie seine schmale Bundesschärpe erblickten. Aus Überzeugung ist er damals der Verbindung beigetreten. Alte traditionelle Werte müssen erhalten werden. War immer sein Wahlspruch.

 

Und jetzt war er irgendwo. Niemand sagte ihm wo und warum. Nur der Amtsarzt hatte genickt und gemeint, besser eine stationäre Betreuung. Sie sei zu seinem Schutz unbedingt erforderlich. Sicher, er schlug mit dem Kopf auf den Bürgersteig. Aber der Schmerz in der Wirbelsäule betäubte ihn, dass er die Orientierung verlor. Das war oft vor, wenn auch nicht so stark. Vom Steißbein bin in den Nacken raste der stechende Schmerz. Keine Kontrolle mehr über den Körper. Schwarz vor Augen und aufwachen, als die Sanitäter ihn ansprachen. Bis auf seine alte Rückverletzung, die ihn auch hinderte Sport zu treiben oder manchmal auch zu gehen, war nichts festzustellen. Aber irgendetwas musste doch falsch gelaufen sein.

Mal sehen. Morgen ist auch ein Tag. Er konnte sich Zeit lassen mit der Genesung. Rausschmeißen konnte ihn die Firma nicht. Er hatte einen astreinen Vertrag. Auch für langwierige Erkrankung.

 

Endlich fielen die Augen zu und eine weitere unruhige Nacht begann.

 

Wieder saß er in einem alten Klapperkasten, jemand fasste ins Steuer, doch kurz vor dem Abgrund funktionierten die Bremsen. Der Kasten blieb stehen. Nur er, sonst war niemand im Fahrzeug. Welcher Schatten versuchte zu dirigieren?

Tief unten, auf einem kleinen wackelnden Felsvorsprung, stand Caatje. Warum hast du mich hier vergessen? Ich stürze jeden Moment ab. Hol mich herauf.

Im Kofferraum fand sich ein Tau. Die Länge müsste reichen. Doch als er es hinunterlassen wollte, griff wieder eine Hand zu und verhinderte die Rettung. Trotz aller Kraft schaffte Ned es nicht, den Schatten zu verdrängen und das Seil hinunter zu lassen.

 

Schweißgebadet wachte er wieder auf. Diesmal hatte er wohl nicht geschrien. Es kam niemand.

Was waren das für Träume? Wer wollte ihm schaden?

Belanglose Unterhaltung. Jedes Problem auslassen. Vorsicht bei Nachfragen. Eine Stunde verging, beinah einschläfernd. Doch plötzlich der Pfeil aus dem Hinterhalt.

Autorität kraft seiner Stellung? Deshalb die harsche Zurechtweisung der Mitarbeiterin?

Ausweichend antwortete Ned nach kurzem Nachdenken.

Jede Funktion ist mit der notwendigen Vollmacht und Verantwortung ausgestattet. In einem Unternehmen ist die privat empfundene Autorität am falschen Platz.

Aber um die Funktion auszufüllen bedarf es der notwendigen Befähigung. Auch der inneren Festigkeit, um Verantwortung und Entscheidungen tragen zu können.

Der Firma genügt es, wenn die Vorgaben erreicht werden. Dazu muss die Autorität manchmal harsch werden.

Als Chef des Zweigbetriebes wird Arbeit gedanklich auch nach Feierabend durchgegangen.

Bei mir nicht. Über allgemeine Bemerkungen ging das nie hinaus. Zu Hause ist zu Hause. Da bleibt alles andere vor der Haustür.

Auch weiteres Nachfragen führte zu keiner Verunsicherung. Ned stand wie ein Fels in der Brandung.

 

Da muss erst eine Atombombe eingesetzt werden. Verzweifelt rieb der Arzt mit den Händen über sein Gesicht.

Vielleicht hätten wir eine ähnliche Möglichkeit, grinste Bert. Schließlich ist Beate aus dem Urlaub zurück.

Aber sie arbeitet doch auf der Station C. Außerdem verbiete ich jedes persönliches Engagement.

Das würde Beate nicht einbringen. Arbeit ist Hilfe aber nicht Benutzung.

Dann erläutern sie mal ihre Niedertracht zum Wohle des Patienten.

 

 

Überrascht reagierte Ned als Bert mit ihm auf den Park zusteuerte. Endlich etwas frische Luft und viel Grün. Langsam schlenderten sie auf den Kieswegen durch die Anlage. Immer wieder blieben sie stehen. Die Rückenverletzung meldete sich in kürzeren Abständen. Doch endlich erreichten sie eine freie Bank unter einer mächtigen Kastanie.

Still sitzen, mit dem Rücken an die Holzbretter der Rückwand gelehnt, verging langsam das verdammte Ziehen und Stechen zwischen den Lendenwirbeln. Je älter man wird, desto deutlicher melden sich die Fehler der Kindheit und Jugend.

 

Plötzliches Lachen ließ die „müden“ Wanderer aufhorchen. Eine junge Frau hatte sich bei einem älteren Herrn eingehakt. Ihr Weg würde an den Banksitzern vorbeiführen. Als sie näher kamen verstummte Ned. Irgendetwas hinderte ihn, den Satz zu beenden.

Als Bert ihn darauf hinwies, antwortete er nicht.

Das ungleiche Paar näherte sich, blieb vor der Bank stehen und bat etwas zur Seite zu rücken damit der ältere Herr sich setzen könnte.

Ned war unfähig sich zu bewegen, sein Blick war von der jungen Frau gefesselt. Bert drückte ihn unsanft zur Seite damit der Neuankömmling such setzen konnte.

Leicht grinsend, wandte er sich an die Kollegin.

Urlaub schon vorbei?

Ein Lächeln und leichtes Nicken antwortete.

Keiner sprach ein Wort. Alle warteten, dass etwas passierte, Doch Ned saß wie versteinert.

Endlich wurde es dem Neuankömmling zu langweilig und bat  die junge Frau ihn zurück ins Zimmer zu begleiten.

Erst als die Erscheinung hinter der Biegung verschwand, erwachte Ned wieder.

Wer was das denn?

Ein Mitbewohner und eine Kollegin.

Gehen die hier oft spazieren?

Jeden Tag, sofern schönes Wetter ist.

Ein weiteres Gespräch mit dem Kittelmann war nicht möglich. Bert wollte nur noch auf sein Zimmer.

Immer wenn er die Augen schloss sah er die junge Frau. Verhext. Sie hatte ihn verhext. Einen solchen Zustand kannte er nicht. Das lief neben seinen Gedanken, seiner kühlen Überlegung ab. Nicht fassbar, begreifbar. Seine Nerven vibrierten.

Einen Narren schalt er sich, rief sich zur Ordnung. Doch es gelang nur teilweise.

 

In der Nacht wechselten sich die Träume regelrecht ab.

Wieder die Fahrt am Abgrund mit den üblichen Begleitumständen.

Doch als er am Abgrund stand spannte sich ein Regenbogen über das Nichts. Unendlich schien er zu sein. Auf seinen Farbbahnen herrschte ein Durcheinander wie auf einer Rodelbahn. Tatsächlich war auch die junge Frau zu sehen. Sie winkte ihm lachend zu, rief er solle kommen. Keine Angst. Der Regenbogen ist für jeden gefroren, der ihn betreten will. So eine Art Bifröst? Ja! Und führt direkt nach Walhalla? Nein, nur ins Glücklich Sein!

Vorsichtig trat er auf den Rand. Leise knirschte die dünne Schicht. Doch sie trug. Nur Mut, komm weiter. Doch die Schattenhand hielt ihn fest. Energisch packte sie ihn, eine dumpfe Stimme raunte, er solle Vernunft annehmen und sich nicht auf so einen Quatsch einlassen. Als er nicht gehorchte, riss sie ihn zurück. Doch die junge Frau hatte seine Hand ergriffen und hielt ihn fest. Du musst nur an den Regenbogen glauben.

Der ist eine Luftspiegelung, rief Bert verzweifelt. Da lösten sich die Farben auf und die junge Frau verschwand.

 

Weinend saß Ned auf seinem Bett als Bert ihn zum Frühstück abholen wollte.

 

 

Dem Chef berichtete er, ein erster Erfolg sei eingetreten.

 

Tatsächlich veränderte sich Ned. Wenn auch nur Bert und der behandelnde Arzt dies bemerkten. Er wurde stiller, nachdenklicher, manchmal schien er zu träumen, hörte kaum zu. Als der Kittelmann ihn drauf ansprach wich er aus. Nein, nichts bestimmtes lag ihm auf der Seele. Vielleicht fehle nur Caatje, seine Frau.

 

 

Doch nach dem Gespräch wollte er mit Bert wieder in den Garten. Setzte sich dort auf die Bank und wartete. Pünktlich, als hätten sie sich verabredet, erschienen die ersehnten.

 

Nach einer Woche kam es zu einem positiven Zwischenfall. Der ältere Mann  rutschte von der Bank, lag bewegungsunfähig auf der Erde. Ned und Beate fassten beide zu. Hand an Hand, Arm an Arm gelehnt, hielten sie den Bewusstlosen fest und versuchten ihn aufzurichten. Langsam erholte dieser sich. Beate bedankte sich für die Hilfe und verschwand mit ihrem Patienten, ließ einen zitternden Ned und verdutzen Bert zurück.

Kaum außer Sichtweite, bedankte sie sich: Danke, Hermann, hast  mir sehr geholfen. Doch der kniff eine Auge zu und brummelte verlegen: und die Belohnung?

Dann wackle man ein bisschen, ich fang dich dann auf.

Aber gern, sich an die Gartenmauer lehnend und langsam zu Boden sinken war eins. Doch Beate hielt Wort und fing ihn auf, nahm ihn in den Arm und hielt ihn fest.

So, das reicht, oder?

Ja. Das war sehr lieb und schön von dir. Danke.

Aber das müssen wir beide sagen, hakte sich wieder ein und führte Hermann vorsichtig trippelnd zurück ins Haus.

 

Ned stand wie versteinert. Unfähig sich zu bewegen, zu hören oder auf Bert zu reagieren.

Nach und nach erwachte er wieder, kehrte zurück in den Redeschwall seines Begleiters. Widerstandslos ließ er sich aufs Zimmer führen, legte sich gehorsam aufs Bett.

Bert traute dem scheinbaren Schlaf nicht, blieb bei dem Patienten. Doch nichts geschah. Ned lag wie versteinert.

 

Auch die nächsten Tage schlafwandelte er durch die Gespräche. Nur bei den Spaziergängen im Park wurde er unruhig, sah sich um und suchte scheinbar Verlorenes.

Doch niemand kam. Niemand weckte Ned.

 

Auch die wiederholende Frage nach seiner Autorität nervte. Bissig und aggressiv fauchte er zurück; Grundlage sein immer die verliehene Macht. Sie ergibt sich durch die Anerkennung des bedingungslosen Einsatzes für den notwendigen Zweck. Also letztlich für das Große und Ganze des Angestrebten. Die Würdigung ist das Vertrauen in diese Fähigkeiten und damit die Autorität.

Völlig entgeistert starrte der Kittelmensch zurück. So was habe ihm in der Deutlichkeit noch nie jemand gesagt, meinte dieser Besserwisser.

Gab aber nicht auf. Meinte doch, damit würde der böseste Geist eines Phänotyp und rücksichtslosen Untertan zur Elite erhoben. Wie das? fragte Ned zurück.

So wird Autorität benutzt, aber nicht begründet.

 

Den ganzen Abend grübelte Ned, was der wohl meinte.

 

 

Am nächsten Tag führte Bert ihn wieder in den Park. Endlich. Vielleicht käme die junge Frau wieder. Gut sah sie ja aus. Und so jung. Durch ihren Anblick kehrten die Erinnerungen an …           ja an wen eigentlich …           wieder. Es war wehmütig schön. Wärme ging davon aus und  …          .. schade eigentlich.

Tatsächlich, da saß sie wieder mit dem alten Herrn auf der Bank. Doch als er sich setzen wollte, meinte sie nur, heute nicht. Es würde noch jemand erwartet.

So ging er mit seinem Begleiter zur nächsten Sitzgelegenheit. Aber Beate blieb in Sichtweite.

Tatsächlich, da kam ein Jüngling, umarmte die Unerreichbare.

 

Schönes Bild.-

Den Kittelmenschen hatte er gar nicht kommen hören. Warum stand der hinter ihm?

Schönes Bild. Jugend, die nach uns leben wird. Immer wenn ich so etwas sehe, erkenne ich Zukunft und Vergangenheit in einem. Wehmut zieht immer durch die Seele, bei dem Anblick. Aber werden wir alt? Oder nur unser Körper? Was er dazu meinte, wollte der Störenfried wissen.

Keine Ahnung. Ich habe keine Kinder. Bei meiner Rückenverletzung wollte ich keine. Außerdem hätten die nur gestört. Mit meiner Frau allein zu sein war immer schön. Und alt werden wir alle.

Verzicht auf Zukunft? Nur die Gegenwart? Reicht das für ein Leben?

Mir ja. Ich fand es gut immer umsorgt zu werden. Erst von meiner Mutter dann von meiner Frau. Als ich damals als Kind im Krankenhaus lag. Der Autofahrer bestand auf seiner angeblichen Vorfahrt. Hundert Meter hat der mit mitgeschleift. Das waren bestimmt drei Jahre die ich da lag. Daher die Rückenverletzung. In den Jahren war ich der einzige der bei jeder Besuchszeit auch Besuch hatte. Egal welches Wetter auch war. Meine Mutter kam immer rechtzeitig und blieb bis zur letzten Minute. Auch danach kümmerte sie sich unentwegt um mich. Auf einem kleinen Roller kutschierte sie mich zur Schule und holte mich ab. Alles war geregelt. Mein ganzes Leben war sie Ratgeber, Schutz und Hilfe für mich. Immer wieder verhinderte sie größere körperliche Belastungen. Schließlich wusste sie um meine Rückenverletzung. Die Auswirkungen spüre ich bis heute. Das war damals ein grausamer Unfall. Aber mit ihrer Hilfe und dauerhafter Unterstützung habe ich durchgehalten und viel geschafft. Bis heute ist sie der Engel und Schutz für mein Leben und das meiner Frau. Wir hängen beide sehr an ihr.

Lächelnd sah ihn der Kittelmensch an. Das war ein gute Gespräch. Vielen Dank. Und entfernte sich beschwingt und leise pfeifend. Doch Ned rief ihn zurück. Da gäbe es noch mehr zu erzählen. Und da dauernd Frage gestellt würden, sollten auch die Antworten gehört werden.

Verdutzt kehrte der Arzt um. Na dann, ich bin sehr gespannt.

Sie hatte uns auch geraten auf Kinder zu verzichten. Mit meiner Behinderung und Caatje musste mich dauernd betreuen, sei es besser so. Kinder sind ja auch eine Belastung und mit meinen Einschränkungen würde ich denen nicht gerecht. Außerdem könnten wir uns dann einige schöne Jahre machen. Richtig leben, so ohne Rücksicht und Verantwortung. Das haben wir auch. Viermal im Jahr sind wir in Urlaub gefahren. Immer abwechselnd nach Norden und Süden. Caatje hatte die richtigen Hotels rausgesucht. So ohne Lärm, nur ruhige Gäste. Die haben uns so gut gefallen, dass wir immer wieder hingefahren sind. Immer zufrieden waren wir. Nur einmal, da war eine Familie in dem Hotel. Das war vielleicht ein Radau. Die Blagen konnten keine zehn Minuten stillsitzen. Frech waren sie ja nicht. Aber auch nicht ruhig. Als ich mich beschwerte und um Ruhe bat, damit endlich ungestörtes speisen möglich wurde, da nahm der Vater den Kleinsten auf den Arm, stellte sich vor mich hin und meinte zu dem Lümmel: Guck dir das Gesicht an und merk es genau. Für den bezahlst du die Rente später nicht. So eine Unverschämtheit.

 

Es waren immer die gleichen Hotels? Auch die gleichen Zimmer?

Ja, natürlich. Nichts geht über stetes Leben.

 

Und im Beruf?

Na da hab ich mich hocharbeiten müssen.

Und die Eigentumswohnung? Wer hat die bezahlt?

Wir haben während meines Studiums geheiratet. Meine Frau wollte das so. Sie hat mehr verdient, als wir beide verbrauchen konnten.

 

Und später?

Da hat mich mein Bundesbruder in die Firma geholt. Das war eine stressige Stellung. Aber ich habe mich strikt an die Beschreibung meines Arbeitsplatzes gehalten. Da konnte mir keiner. Alles andere interessierte mich nicht. Bin ich gut mit gefahren.

Nach und nach sind die älteren pensioniert worden, viele sind abgewandert und so bin ich immer höher gestiegen. Bis zum Chef des größten Zweigwerkes. Bin zufrieden gewesen mit der Karriere.

 

Was ist dann passiert?

 

So genau weiß ich das nicht. Mein Abteilungsleiter für die Zukunftsplanung des Unternehmens kam zu mir, zeigte mir sein Gutachten und bat um Vorschläge, Anmerkungen und so weiter. Das habe ich gelesen. Aber kein Wort verstanden. Es war doch nur meine Aufgabe Funktionen zusammen zu führen aber doch nicht Ideen, Visionen zu entwickeln. Überhaupt Visionen, das sind doch nur Tagträume. Doch der Kerl ließ nicht locker. Ich sollte endlich eine Entscheidung treffen die dem Aufsichtsrat vorgelegt werden kann. Und dann kam noch die Schickse und meckerte über irgendeinen Blödsinn.

Dann war Schluss. Was danach kam, keine Ahnung.

Erschöpft lehnte sich Ned gegen die Rückenlehne.

Und ihre Mutter hat immer darauf geachtet, dass sie auf ihre Behinderung Rücksicht nahmen.

Natürlich. Sie war immer sehr besorgt.

 

Bert warf stirnrunzelnd einen Blick auf den Chefarzt. Der nickte und beide hoben Ned empor, führten ihn in die Halle zu einem Rollstuhl.

Bert blieb noch bei ihm bis er einschlief.

 

Na endlich. Hat Beate doch geholfen. Und auch kein Firlefanz, wie versprochen, freute sich der Pfleger. Aber sie freuen sich wohl nicht?

 

Doch doch. Nur das alles auf einmal kam. Das stimmt mich nachdenklich. Der dicke Knoten hat sich gelöst, aber hoffentlich kann unser Patient die Leere ertragen.

 

Sprechen sie noch einmal mit Beate. Welchen Eindruck hatte sie von unserem Patienten.

 

Deren Meinung war klar und einfach. Von Weibern umgeben und abhängig, nicht mal der kleinste Auslauf, gehindert an eigener Entwicklung, keine Meinungsbildung, alles hat zu bleiben wie es ist, bloß keine Verantwortung. Seine Mutet beherrscht ihn, seine Frau kommt dagegen nicht an. Mangels eigener Kinder hat sie ihn dazu verurteilt.

Das riecht nach Notausgang. Tür zuschlagen. Ende.

 

Trotz aller Bemühungen verschlechterte sich sein Zustand. Nur die Begegnungen im Park munterten ihn auf. Immer wieder hob sich die Hand, versuchte sich Beate zu nähern.

In jeder ihrer Sitzungen, wie sie die Begegnungen nannte, ein kleines Stückchen näher.

Eines Tages schaffte er eine kurze Berührung zu erreichen. Doch Beate ergriff spontan seine Hand, hielt sie fest und die ineinander verschränkten Hände wiesen zum Himmel. Dort zeigte sich trotz eines Schauers ein Regenbogen.

Schön, so ein Farbenspiel des Versprechens, seufzte Beate.

Wie das? stotterte Ned.

Weil er immer das Ende der Trauer anzeigt.

Ja! Aber so habe ich das bisher nicht gesehen. Aber es stimmt. Auch wenn das Neue vielleicht nicht lange dauert.

Erhob sich, hielt aber ihre Hand fest. Sich gegenüberstehend blickte Beate in seine feuchten Augen. Einem Reflex folgend, nahm sie ihn in den Arm. Nicht traurig sein. Sie werden bestimmt bald gesund.

Ned riss sich los und lief davon, verkroch sich in seinem Bett.

Die Medikamente nahm er nicht ein, versenkte sie heimlich in der Toilette.

 

In der Nacht wachte er plötzlich auf. Blitzartig erkannte er wer da in das Steuerrad griff. Immer und immer wieder die Fahrtrichtung änderte. Alles zu seinem Nachteil. Aber es war sein Auto, sein Leben, er wollte selber bestimmen. Endlich schlief er wieder ein, träumte erneut von einer Autofahrt. Die Fahrt endet am Abgrund. Er erblickte noch einmal den Regenbogen. Die junge Frau rutschte im zickzack auf den Farben herunter zu ihm und rief, er solle doch kommen. Es wäre wunderschön. Da kann er auch erleben. Doch als er die Brücke betrat, standen zwei Wächter dort und hielten ihn fest. Nichts half, es gab kein Durchkommen. Auch als seine Schöne ihn an der Hand ergriff und zog, reichte es nicht. Ein Schritt zur Seite sollte die Wächter täuschen, er stolperte, ruderte mit den Armen nach einem Halt. Doch da war nichts. Er stürzte in die Tiefe. Dunkel umfasste ihn und alles Schmerz, Hoffnung und Wollen vergingen für einen Augenblick. Dann sah er den Regenbogen wieder, griff nach dem Rand, hielt ihn fest und rutschte der jungen Frau entgegen, schlingerte an ihr vorbei, sah sie lachend applaudieren und versank in der Hitze seiner schwarzen Wut.

 

 

Es blieb ungeklärt, wie das verschlossene Fenster geöffnet worden war. Da muss jemand beinah übermenschliche Kräfte gehabt haben, meinte der ermittelnde Kommissar. Keine Spuren deuten auf die Anwesenheit einer weiteren Person, also war es doch Suizid. Der Fall war abgeschlossen.

 

Nur den Chefarzt  durfte niemand ansprechen. Tagelang sah man sein mürrisch verkniffenes Gesicht. Als Bert sich ein Herz fasste und ihn nach dem Grund fragte, antwortete der nur: Ned, Ich hätte es sehen müssen. Besonders als der Patient endlich aus sich heraus kam. Alles ergab einen Sinn. Aber ich habe es nicht begriffen.

So etwas ist doch auch für hervorragende Fachleute extrem schwierig zu diagnostizieren.

Mag sein. Dann bin ich eben leider einer der einfachen Fachleute. Aber trotzdem hätte ich den Münchhausen sehen müssen.

Wie hat es seine Mutter aufgenommen?

Sehr gut hat sie das verkraftet. Nicht einmal geweint hat sie. Stand versteinert, schüttelte dann den Kopf und sagte nur: Warum hat er mir das angetan, wo ich immer für ihn da war, alles geregelt habe und jetzt dankt  er mir das mit einem Selbstmord. Was soll ich damit anfangen?

Und seine Frau?

Sie brach zusammen, wir mussten sie zu ihrer Sicherheit hier behalten. Angeblich ist ihre Krankheit wieder aufgetreten. Diesmal aber scheint eine Heilung ausgeschlossen. Sie hat es strikt abgelehnt, ihre Schwiegermutter als Besucher zuzulassen.

Rosenmeier

Hat noch einer was auf Lager?

Jau, tönte es aus der linken Ecke.

Nanau, Georg, du meldest dich mal?

Komm sonst ja nie zu Wort. Aber heute hab ich etwas erlebt, das muss raus! Sofort!

Ihr kennt doch den Rosenmeier. Der weint doch schon um seine Blümchen, wenn einer schief guckt. Sein Grundstück, immer parat zum Vorzeigen, ist sein ein und alles. Und seine Mittagsruhe. Leider dauert die von zwölf bis vier Uhr Nachmittags. Sehr zum Ärger mancher Leute. Nu ist doch neulich ein Zahnarzt in die Nähe gezogen, so drei Häuser neben  Rosenmeier. Und da der genug verdient, kann er sich sechs Kinder leisten. Seine Frau, lieber Mensch, lässt der Rasselbande viel Zeit und Gelegenheit zum Toben. Auch im Garten. Da haben die sogar ein kleines Fußballfeld aufgebaut. Na das ist bei schönem Wetter ein Geschrei. Fußballschlachten werden da geschlagen. Die Bundesliga ist ein Kindergarten dagegen. Natürlich gibt es Radau mit Rosenmeier. Der will seine Ruhe, der Zahnarzt seine Kinder toben lassen. Artgerecht, wie er grinsend  dem Meier erklärte. Aber da sie auf einem Dorf leben, kennt er den Begriff ja.

Klar, dass sich in dem die Wut immer höher schaukelte. Am nächsten Tag zischte ein Ball haarscharf ein seinen Rosen vorbei auf die Strasse. Ein Rotzbengel von acht Jahren rannte hinterher. Rosenmeier blieb beinah das Herz stehen. Seine Rosen waren in akuter Lebensgefahr. Polizei musste her. So geht das nicht.

Die Streife mit zwei jungen Beamtinnen kam wie gerufen, hielt vor seinem Haus und die Damen liessen sich den Vorfall schildern.

Da es den Rosen gutgeht, die Kinder spielen dürfen, gebe es keinen Grund zu einem Einschreiten. Unbegründetes rufen der Polizei ist Gebührenpflichtig. Gott sei dank standen seine Herztropfen bereit.

Da zahlt man Steuern und die Polizei weigert sich Ruhe und Ordnung herzustellen. Sein Eigentum ist in Gefahr und keine Hilfe in Sicht.

Eigene Initiative ist gefragt.

Latten wurden gekauft und an Pflöcken angeschraubt. Ein richtiger Verschlag um die Rosen entstand. So! Jetzt kann der Ball kommen. Überall ragen die Spitzen der Nägel in die Flugrichtung. Doch kein Ball kam.

Schulzeit, Hausaufgaben und Regenwetter sorgten für Ruhe.

Doch als die Sonne wieder am Himmel stand, regnete es für Meier. Seine Prachtexemplare, Lieblinge, ließen die Köpfe hängen.

Das Gatter verhinderte den notwendigen Sonnenschein. Was tun?

Zu allem Unglück rührte sich sein Backenzahn.

Der unten links und wie mit der Hand den Weg. Doch die Assistentin meinte nur, dass wissen sie auch ohne Fingernavigation. Und als er im Schmerzerwartungsstuhl, kurz auch Folterstuhl  genannt, saß, wer kam? Der Übernachbar. Das Elend nimmt heute kein Ende, dachte er. Freundlich war der Kerl ja, musste der Meier ihm lassen. Aber als der die Spritze ansetzte, zuckte Meier zurück.

Es gibt Menschen die sind schmerzempfindlich. Nehmen wir etwas anderes, tröstete ihn der Zahnklempner. Trinken durfte er etwas, sehr anständig von dem Mann. In der Praxis war ziemlich trockene Luft. Sein Hals hatte sich dem angepasst.

Tatschlich er hatte keine Schmerzen. Es piekte und rumorte im Unterkiefer, war kaum zu spüren. Und was hatte der Mensch gesagt: Kinder dürfen spielen und sie brauchen ihre Ruhe. Regeln festlegen, damit jeder sich daran halten kann. Eigentlich eine gute Idee. Und dIe Latten kommen wieder weg, dafür stelle ein Rosengitter hin. Sieht auch besser aus.

Seitdem herrscht Ruhe und Frieden. Wenigsten von zwölf bis zwei oder halb drei. Dann geht Rosenmeier mit Frau seine Enkel besuchen, abwechselnd zum Sohn, dann zur Tochter. Und wenn Abendbrotzeit ist endet auch der Krieg im Garten des Nachbarn.

Seit der Zeit hat Rosenmeier ein viel besseres Verhältnis zu Kindern. Hat er doch aus Versehen neulich sogar einem Kleinen geholfen das Fahrrad aufzupumpen.

Wo gibt es noch solche Wikinger.

Lebemänner

Es gab einige Lebemänner im Dorf, ereiferte sich Ute.

Da kannst du bestimmt drei Opern von erzählen, oder…? schalmeite Undine.

Doch die Angesprochene konterte. Wem sagst du das, wenn ich so an die Erzählungen  aus deiner Strasse denke, dann war dort die reinste Kita. Alle Jungen spielten abwechselnd mit den Puppen. Auch mal mit der eigenen. Aber immer gehören zwei dazu, nicht war.

Aber jetzt zu meiner Erzählung.

Otto hatte immer einen Wahlspruch:

Ob ich denke oder pisse,

alles fließt ins Ungewisse.

Stimmt eigentlich. Aber deshalb immer gleich das Denken aufzugeben? Das war dann doch zuviel. Immer in die Breite, das Denken? Nein, immer nur in die Richtung: wie geht es leichter und besser.

Den Kopf voller Flausen und wenig Lust zur Arbeit waren seine Markenzeichen.

Die einzige Tochter des Einzelhändler ergatterte er. Wie er das geschafft hat? Weiß der Deibel.

Und der blieb ihm auch treu.

Es fügte sich, dass seine Frau auch die Erbin des Ladens war. So war für alle gesorgt. Sie stand im Laden, versorgte die Kinder und hatte einen ausgefüllten Tag.

Dagegen musste er ständig neue Einkaufsquellen erschließen, Großkunden werben und notgedrungen auf Achse sein.

Doch das Geschäft lief immer langsamer. – Was die Einnahmen betraf. Seine Frau meinte schon mal, sie würden bestimmt besser von den Ausgaben leben können, als von den Einnahmen. Er solle sich etwas einfallen lassen.

Das tat er dann auch. Tatsächlich kamen neue Kunden, bessere Lieferanten in den Laden. Otto hatte nicht nur Kaffee getrunken, die sogenannten Damen ausgeführt und sich dabei schon mal nett einführen lassen, sondern auch über den Verkauf von Waren gesprochen. Einige hatten den Vorschlag verstanden und mehr oder weniger begeistert zugestimmt. Nur die Jolante, die hatte taube Ohren.

Nee, für Dankeseinkäufe sei sie nicht zu haben. Aber ob er schon mal an die Jägerei, so mit Gewehr auf der Schulter und so, gedacht hätte. Mehrtägige Treibjagden hätten an Verpflegung, Zielwasser und anderen Getränken größeren Bedarf. Und da seien auch noch die Jagden in Polen und sonst wo. Die müssten organisiert werden.

Das war eine große Idee.

Sie trug dementsprechend große Früchte. Wenn, bei Licht betrachtet, nicht alle gewollt waren. Aber Fehler kommen überall vor.

Irene hatte alle Hände voll zu tun. Da Otto viel unterwegs war, oft eine Woche in Polen weilte, musste eine Hilfskraft her. Das war ein richtiger Kerl, der Anton. Der arbeitete und half wo er nur konnte. Nach kurzer Zeit war er für Irene unentbehrlich. Allzeit bereit, auszuhelfen, jede Lücke, die entstand auszufüllen, war seine Devise.

So eine tüchtige Frau, meinten die Kunden, die kann über eine solche Hilfe doch nur froh sein. Das war Irene auch. Sie lebte förmlich auf, hatte wieder Zeit und Freude am Häkelkurs, schmetterte im Chor ihre Lieder.

Otto war langsam nur noch ein Schatten seiner selbst. Die ständigen Fahrten, das notwendige pflegen der Kundschaft zehrten an seinen Kräften. Auch neue Bereiche öffneten sich sehr langsam. es kostete viel Zeit, bis endlich eine Zustimmung erfolgte.

Besonders ein Großabnehmer, der Severin vom Schützenverein im Nachbardorf wurde richtig falsch.

Bei der letzten Lieferung war es im Lager sehr eng geworden. Irgendwie war die Tür zur Halle versperrt. So blieb nur der Weg durch das Fenster. Gesagt, getan. Aber leider vergessen den Riegel nachträglich einzubauen. So blieb der Fluchtweg für alle Fälle offen.

Als der Mann eines Tages früher nach Hause kam, waren Otto und die Kundin im Lager beim Aufstapeln der Ware. Dabei stiess Otto das Fass Prosecco um. Die Ehefrau schrie entsetzt mit Ohhh und ahhh auf, wegen des guten Geruchs natürlich. Otto riss das Fenster auf, um frische Luft herein zu lassen, da stand der Mann in der Tür, einen Stock in der Hand. Es blieb nur die Flucht durchs Fenster. Seitdem kennt ihn das Ehepaar nicht mehr. Aber den fehlenden Umsatz kann er verschmerzen.

Doch der Tag hatte weitere Überraschungen für ihn bereit.

Seine Irene erklärte ihm, der Anton hätte zurück zum elterlichen Hof kommen müssen. Die Eltern schafften die Arbeit nicht mehr. Das sei auch besser so. Schließlich läuft das Geschäft gut, sie haben einiges gespart, sodass auch das kommende dritte Kind ein schönes Heim auffinden würde. Sie zöge sich aus dem Laden zurück, er würde den jetzt übernehmen.

Was blieb ihm übrig? Aber so schlimm war es auch nicht. Er hatte das Leben kennengelernt, jetzt kam er aus dem Ungewissen wieder heraus.

Der Anton ist damals sehr plötzlich verschwunden. Und jetzt läuft hier im Dorf ein keiner rothaariger Bengel herum. Hatte der Anton nicht rote Haare?

Und der Vorsitzende vom Schützenverein, der Severin, läßt sich mit seiner jüngsten Tochter hier auch nicht mehr blicken.

Es mag vieles in Ungewisse fließen. Aber wie war das mit der Sonne und dem Tag?

Welchen Wikinger schreckt das? Keinen. Alles kann geregelt werden.

Stimmt, pflichtete Jolante bei. Und wenn nur die Pflichtkinder geboren würden, wär die Erde beinah Menschen leer.

Helmut

Geschichte von Helmut.

Der soff. Und das ständig. Unter zwei Promille wurde er unruhig, hatte große Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Natürlich hatte er vor vielen Jahren seine Arbeit verloren und lebte von Stütze, Freitrinken und billigem Einkauf in den Supermärkten. In manchen hatte er schon Hausverbot. Kurz vor seinem Tod hatte er Hubert erzählt, von seiner Frau, die ständig fremdging, das auf Montage sauer verdiente Geld verjubelt. Zwei Arbeitsstellen hatte er. Doch es reichte nie. Und als er krank wurde, zog sie aus, nahm die Kinder mit. Das war es mit Familie.

So geriet er in einen Kreislauf der Verdoppelung. Erst an den Alkohol, dann Schwindel beim Gehen, schlechte Arbeit, Arbeitslosigkeit und ständige Trunkenheit.

Wenn nirgendwo Freisprit angesagt war, besuchte er reihum die kleinen Läden. Besonders die Möchtegernmuttis mit dem großen Herzen belagerte er. Zwar ermahnten sie ihn immer wieder, seufzten bei seinem treuen wehleidigen Dackelblick und versorgten ihn mit Frühstück. Nach und nach verlor sich das Zittern der Hände.

Doch einmal habe ich ihn noch wirklich arbeiten sehen.

Im Lager standen noch drei Kästen Bier. Fehlkauf! Kein Mensch wollte nach dem ersten Schluck noch einen zweiten von dem Zeug. Der Chef überlegte hin und her, wie das Zeug an den Mann bringen?

Da verplapperte sich Helmut. Gelernter Zimmermann und Stahlbauer sei er. Ist viel herumgekommen. Da kam dem Chef eine Idee. Das Lager war zu klein. Ein mittlerer Anbau würde die Situation verbessern. Also meinte er so nebenbei: Helmut ich hab da eine Arbeit für dich.

Der fuhr entsetzt zurück. Das Wort: Arbeit! hatte er zuletzt vor zehn Jahren benutzt. Da alle Fluchtmöglichkeiten versperrt waren, musste er weiter zuhören. Und mit der Zeit besserte sich seine Miene und auch die Laune. Das hörte sich gut, nein sehr gut an. Außerdem war das keine richtige Arbeit sondern mehr so ein Gefallen. Und die drei Kästen Bier als Anzahlung eine reelle Sache. Außerdem dauerte derAnbau bestimmt eine Woche, also acht Tage. Pro Tag vier Kästen Bier. Auch am Sonntag. Der war ja gesetzlicher Feiertag und mußte ebenso bezahlt werden. Das geht in Ordnung, nickte er dem Chef zu. Morgen geht es los.

Bretter, Nut, Feder wurden geliefert. Schrauben hinterher gebracht. Hatten die im Baumarkt vergessen. Idioten!

Helmut war in seinem Element. Balken auf Maß schneiden. Gründung ausheben, Schuhhalterung einbringen, Balken verschrauben.Passt.  Der Schuppen wuchs viel zu schnell. Er würde in sechs Tagen fertig. Helmut erfasste leichte Panik. Doch der Chef tröstete. Er kriegt auf jeden Fall die acht Tage Ration. Versprochen!

Und tatsächlich. Nach sechs Tagen stand der Schuppen felsenfest. Im Gegensatz zu Helmut. Der schwankte, wie immer.

Als er nach Hause torkeln wollte, rief ich ihn zurück. Der eine Stützbalken stand nicht im Lot. Und wo ist das Problem? Jedenfalls habe ich das aus Helmuts Gestammel herausgehört. Der steht auf jeden Fall felsenfest und trägt jede Last. Aber im Lot steht der sicherer. Na gut, und schwankte auf den schiefen Träger zu.

Mensch, der ist so blau, der schafft das nie,flüsterte ich zum Chef rüber. Doch Helmut torkelte weiter mit Bierfahne voran Richtung Balken, hielt sich nach dem dritten Versuch endlich an ihm fest, packte den Fäustel und donnerte zweimal gegen den Träger. Der ruckte gehorsam und stand gerade.

Das war es! Dann bis Morgen und verschwand.

Wir haben mit der Wasserwaage nachgemessen. Das Ding stand wie eine eins im Lot.

Jau, so sind hier die Wickinger. Jede Arbeit wird korrekt erledigt. Auch im Suff.

Grete ist eine Seele von Mensch

Jetzt war Heini nicht mehr zu bremsen. Er musste die Geschichte mit Grete posaunen:

Nee, was alles so über sie erzählt wird, stimmt nicht. So ist die Grete nicht. Gut, sie auch noch nie ganze Wahrheit gesagt, aber wie man ihr nachsagen kann, dass sie klatscht, das verstehe wer will. Sie behauptet  immer, das sei reine Fürsorge mit den Leuten. Schließlich werden die wieder zur Ordnung gerufen und bessern sich,……manchmal.

Aber man kann auch alles böswillig sehen.

Doch neulich bekam sie es ganz dicke ab.

Ihr Mann, der Franz, ist auch nur ein kleiner Mechaniker bei der Regierung.

Bei de Rigierung? So inne Politik? tönte Tusnelda in die Rede.

Nee, halt den Sabbel. Nich inne Politik. Da wo die Autos stehen, wo sie repariert und in Gang gehalten werden. Die fahren auch immer die Politiker. Besonders den für die Landwirtschaft muss der Franz oft kutschieren. Und wenn wieder was auszubrechen droht, so Pest bei Schweinen oder Wahn bei den Rindern oder was anderes, dann ist der Franz auch noch bei Nacht unterwegs. Aber er meldet sich immer zu Hause. Und weil die Telefonkosten im Hotel so hoch sind, fährt er mit dem Dienstwagen zum nächsten Bahnhof und telefoniert auf Staatskosten. Aber da ist ein Lärm auf den Bahnhöfen. Wildes Getobe um die besten Plätze.Über die zotigen Reden hat sich Grete oft aufgeregt. Und wenn der Franz von den Bauernhöfen endlich nach Hause kommt, riecht er ganz komisch. Die müssen aber auch jeden dreckigen Hof und besonders Kuhställe untersuchen. Erst wird geduscht, dann paar Stunden geschlafen. Anschließend zum Taxiunternehmen, Autos flott machen.

Grete hat also viel Zeit. Die nutzt sie. Auch zur Freizeitbeschäftigung mit anderen Menschen. Manchmal auch nur mit Männern. Sie hat keine Vorbehalte oder Ängste. Fleißig ist sie oben drein. Drei verschiedene Putzstellen jedes Jahr erledigt sie mit links. Putzen ist keine Kleinigkeit. Aber bei ihr bleibt der Dreck nicht liegen. Sie wienert, bis der Boden glänzt. Da können die Leute so viel Dreck reintragen wie sie wollen. Grete schafft alles.  Auch in kleineren Supermärkten hilft sie aus. Und da ist was passiert, nee. Man glaubt es nicht.

Heini schüttelte ungläubig den Kopf.

Da hat sie doch den Chef mit der kleinen blonden Kassiererin im Lager verschwinden sehen. Nun hat es die Blonde nicht so mit der Treue, wie alle reden. Grete also hinterher. Heimlich still und leise, natürlich. Um die Ecke spinksen, aber da stehen die Paletten mit den Waschmitteln und verhindern klare Sicht. Also umgedreht und auf die andere Seite. Ein viel besseres Krähennest, wie der Seemann so sagt. Und was sieh sie? Wie die Blonde mit Händen und Füssen auf den Chef einredet und dabei heult sie Rotz und Wasser. Grete verstand auch nur Bruchstücke, aber da war nichts unreelles. Worte wie: Krank und Fahrtkosten, dringender Besuch im Krankenhaus, kein Geld, ….Vorschuss oder so.

Das arme Kind dachte Grete noch. Doch der Chef schüttelte nur den Kopf. Vorschuss geht nicht, darf er nicht. Aber er leiht ihr sein vollgetanktes Auto. Wollte sowieso ein Kurzreise unternehmen, braucht also nicht wieder zu tanken. Und die Überstunden, die sie in dieser Woche geleistet hat, zahlt er sofort aus. Klar.

Mann, hat die den Chef umarmt, sogar einen dicken Kuss auf die Wange hat er bekommen.

Also stimmt das doch nicht, was alles über die Kleine geredet wird. Aber wer weiß schon alles?

Auf jeden Fall trug der Chef seit zehn Minuten eine weisse Rüstung und einen Heiligen Schein. Und so gut, wie er auch noch aussieht.

Es hatte sie gepackt. Den wollte sie. Alle Versuche scheiterten. Der Kerl hatte nur Augen für seine Frau.

Langsam lief ihr die Zeit davon. Hatte sie vor Freundinnen doch mit einem Zeitpunkt des Sieges geprahlt. Und alles ging schief. Immer kommt der Moment an dem man das erste Mal scheitert.

Wütend kündigte sie. Und dann sagte die Chefin noch freundlich zum Abschied. Ihr Mann wohnt auf dem Dorf, sei aber kein Landwirt der dumme Kühe zu versorgen hat.

Ihre gelben Zähne fletschte sie. Prompt lief sie gleich zum Trost zum früheren Lover. Auch der hatte soeben eine Trennung hinter sich. So trafen  zwei Zurückgebliebene um sich zu trösten. Aber der Lover konnte nicht lange, ein anderer Termin war dringend wahrzunehmen.

Und der Höhepunkt kam am Abend. Grete half einer Freundin aus. Sie übernahm die Nachtschicht und die Fahrbereitschaft des Taxiunternehmens. Passte ganz gut. Franz blieb über Nacht im Ministerium. Morgens sollte es ganz früh wieder losgehen. Wichtige Tagung.

Gegen zwei Uhr rief ein bekannter Amüsierklub an und bestellte eine Fahrt. Ziel würde noch bekannt gegeben.

Grete ab ins Auto und los. Fuhr sich den Frust von Seele. Vor dem Lokal keiner da. Also steigt sie aus, marschiert in den Salon um den Fahrgast zu holen. Und wer steht an der Theke, umrahmt von zwei leicht bekleideten jungen Dingern mit erheblicher Muskulatur auf dem Brustbein? Franz und ihr Lover der heute keine Zeit hatte.

Umdrehen, losfahren.

Am nächsten Mittag kehrte endlich Franz heim. Irgendein Idiot hat bei der Panne ihn einfach stehen lassen. Sonst wär er gestern schon gekommen. Gretes Antwort war kurz und schmerzhaft. Jetzt darf Franz nur noch mit Begleitung und Überwachung das Haus verlassen. Auch beim Kauf des Essgeschirrs geht sie mit. Ist auch besser, so wie der verpflastert ist.

Und der Lover lief einen Monat mit tiefblauen Augen und einem Kopfverband herum. Grete ist nicht zu unterschätzen.

Jau, jau, nickte Tusnelda: Eigentlich is sie ja ne Seele von Mensch. Aber sie kann das auch gut verstecken. Und was lernt man? Auch die Weiber von den Wikingern haben Hosen an und mit den ihren Fäusten kannste nich Kirchen essen, höchstens blaue Weintrauben ernten.

Lachen verboten

Was Klaus dem Reporter erzählte:

Lachen verboten.

Da ist man nun auf das kleine Kaff gezogen. Und alles passt. Die Nachbarn sind friedlich, wenn die Kinder nicht hin und wieder zu laut feiern würden wäre es noch besser. Die Gärten sind, wie man sieht, aber niemand zeigt einem alles!, ordentlich gepflegt. Die Blumen stehen in Reih und Glied, farblich abgestimmt, rechts und links neben der gepflasterten Auffahrt. Und die wird dreimal täglich gekehrt!. Kein Blatt oder Fleck findet da sein ruhiges Plätzchen. Besonders die Hecken und Zäune sind eine Augenweide. Streng im rechten Winkel die Ecken geschnitten, die Krone wird mit der Maurerschnur nachgemessen und planeben gestutzt.

Ein richtiger Altersruhesitz könnte es sein. Besonders, wenn man sich an die üblichen Fahrgeräusche und den schrecklich schiefen Gesang der Nachbarin gewöhnt hat.

Aber niemand hat auf die Dauer seine Idylle gepachtet.

Seit ewigen Zeiten führt eine ruhige Wasserstrasse an der Rückseite der Grundstück vorbei. Zweimal im Jahr dümpelt ein Äppelkahn einmal runter, dann wieder rauf. Drei Streckenpfleger prüfen die Ufer. Langsam natürlich. Man kennt sich, man trinkt sich einen, gemeinsam natürlich. In aller Freundschaft. Schließlich untersuchen die drei die Strecke auf schadhafte Stellen.

Doch eines Tages endete der Friede. Die Verwaltung, angestachelt von einem Politiker der gewählt werden wollte, und welcher will das nicht? hatte eine Idee. Fremdenverkehr muss gefördert werden.

Einige böswillige und durchtriebene Typen fragten gleich: warum? Uns genügen die hier wohnenden völlig.

Dabei meinte der Bürgermeister doch den Tourismus. Der müsse angekurbelt werden. Das bringt Geld in die Kasse.

Deshalb hat er gleich eine Gesellschaft gegründet. Die wird die alte Wasserstrasse beleben.

Nach langen Überlegungen und Diskussionen kam nur Elend heraus.

Es wurden Flosse angeschafft. Die kosten nicht so viel Unterhalt, da die Benutzer sie selber in Gang halten müssen. Also so wie Fahrradfahren auf dem Wasser. Das trägt auch zur körperlichen Fitness und damit der Gesundheit bei.

Da sieht man wieder, wie kurz die Leute denken.

Die Touristen kamen, packten ihre Sachen auf die freien Flächen und strampelten los. Nach den ersten fünfzig Metern wurde eine kurze Rast eingelegt. Trampeln strengt an und macht durstig, besonders bei Sonnenschein. Nach einem Kilometer waren die ersten Strandhaubitzen an Bord. Die mussten wachgehalten werden. Da hilft nur gemeinsames Absingen alten Kulturgutes. Trefflich klang das Lied mit dem Refrain: gehn se mal rüber zum Schmitz seiner Frau.

Diese Typen kamen bestimmt aus dem Rheinland; denn dort Schmitzt es an jeder Ecke.

Ein Lied kannte ich noch nicht. Da wurde immer von AirBags gegröhlt, die jemand haben sollte. Konnte mir auch keiner sagen, wie man an den Text kommt.

Und ein Gelächter war das.

Das muss man sich mal vorstellen. Da sitzt du friedlich auf der Terasse unter dem Sonnenschirm, schlürfst unter Beobachtung der Ehefrau und auf Anweisung des Arztes deinen Gesundheitstee, hoffst auf ein bisschen friedliche Stille und kannst einfach nicht weg, weil dein Freund und Nachbarn zum Geburtstag seines versoffenen Schwagers musste und dann dies:

Fröhliches Geschrei, Gelächter, Prost-Rufe, Flaschenklirren und zweideutige Lieder oder gar Zoten ertönen.  Da feiern welche hemmungslos und du sitzt hier im Gesundheitsstress.

Da kocht die Wut in dir. Das muss verboten oder völlig geändert werden. So geht es nicht. Man zahlt Steuern und hat ein Recht auf seine Stille, auch wenn sie nervt.

Also sprach Hansi aus tiefstem Herzen. Prompt rief er bei der Zeitung an. Doch der Schreiberling machte kaum Notizen. Liess sich nur den Bachlauf zeigen, stürzte beinah das schräge Ufer hinunter und zog wieder ab.

Er ärgerte sich maßlos, dass der Artikel seine Beschwerden nicht nannte. Dem Chefredakteur hat er gehörig eingeheizt, am Telefon.

Es wird noch etwas geschehen müssen. Das steht fest.

Brens versteht die Welt nicht mehr

Brens versteht die Welt nicht mehr

Sag ich doch, klar kann ich auch prima Deutsch. Aber wenn es schnell gehen muss is das hinderlich, gut: ist das hinderlich.

Und jetzt muss ich die Geschichte loswerden.

Nicht immer geht das Zusammenleben gut hier im Dorf. Viele haben plötzlich eine ganz andere Meinung als du denkst.

So ist das auch eine andere Geschichte, die mit dem Nachbarn Georg Brens.

Im Grunde ist das n´ richtiger Mann, so´n Wikinger von altem Schrot und Korn. Besonders vom letzteren. Und zu Hause sorgt der für Ordnung. Hat nix zu melden, seine Frau. Aber sonst, kannste nix sagen.

Aber seit dem sie ihn pensioniert haben – man war der damals sauer, richtig stinksauer – hat er viel Zeit.

Verbringt viel Zeit und noch mehr Elan und Einsatz für die Pflege von seinem Auto, dem Haus und Garten – alles tipp topp! Auch seiner Frau hilft der viel mehr als früher. Die muss nur sagen sie will einkaufen. Prompt fährt er mit, braucht se nicht mehr so viel zu Fuß laufen! Und passt auf, dass se nicht wieder so viel Geld ausgibt. Mit der Rente muss man sparen.

Wenn er dann so im Garten sitzt oder im Sessel vor dem Fernseher, bedient ihn seine Frau gern. Schließlich schont er sich nicht beim Helfen und anderen Arbeiten.

Nu ist das mit den anderen Arbeiten so eine Sache. Um nicht zu versauern und die Ordnung im Dorf zu unterstützen, spaziert er dreimal täglich überall herum. Alle haben vor ihm Achtung und kehren, der Ordnung und Sauberkeit wegen, den Hauseingang und den Bürgersteig täglich.

Da in `O ´Wiek die Bürgersteige schmal sind, wechseln viele sogar die Straßenseite, wenn se ihm begegnen, damit er mehr Platz für die Kontrolle hat. Früher hat er sogar den Abfall und das weggeworfene Papier und so aufgesammelt. Aber jetzt, wo er es im Kreuz hat, hat er so ein ausfahrbaren Greifer angeschafft. Oder er meldet das lieber gleich seinen früheren Kollegen. Die sind immer hocherfreut, wenn er mal wieder auftaucht. Vor Freude verdrehen sie sogar die Augen. Und wenn er seine Berichte abgibt, haben manche von den Angestellten sogar Tränen in den Augen. Jau, so gut ist er angesehen.

Sauberkeit muss sein. Ordnung besonders.  Das ist seine Devise. Und wehe es hat jemand den Garten besser im Schuss als er. Da glühen die Hörner an seinem Hut.

Dann packt ihn der Ehrgeiz. Die größte Tüte mit dem Gartendünger unter dem Arm erscheint der Racheengel auf dem Rasen. Alles wird doppelt gedüngt, gehackt und das Unkraut gerodet. Auch wenn es sich dabei um die zarten Sprösslinge der Tulpen, Rosen oder Narzissen oder sonst was handelt. Was haben die da zu suchen. Die stören bloß das Gesamtgrün.

Dann folgt die Rasur mit dem Rasenmäher. Drei bis viermal die Woche wird gestutzt. Anschließend folgt die Kontrolle mit der Nagelschere. Georg Brens schont sich auch da nicht. Er legt sich auf die grüne Fläche und misst beinah jedes Halm einzeln. So herrscht auch hier in gleicher Höhe völlige Ordnung. Das der auch noch dem Rasen einen Scheitel zieht, ist nun doch bloß Verleumdung. Die spinnen doch, die so was sagen. Wie soll das denn gehen?

Was nu ein echter Wikinger ist, hält immer Kurs, auch in schwerer See.  Und was Recht ist muss Recht bleiben. Sonst geraten Sitte, Moral und Anstand und das Große und Ganze durcheinander.

Deshalb wird hin und wieder kontrolliert, ob da so Lümmel sind, die gern ein Stück vom rechten Weg abweichen. macht auch nich jeder. Hilft aber angeblich bei der Ordnung.

Weiter unter an der Straße hat vor einigen Wochen ein kleiner Laden aufgemacht. So´ n Imbiss. Wer es mag, soll so Leute geben. Diese Neueröffnung hatte er unter besonderer Kontrolle. Wegen Sauberkeit und so. Besonders weil das´n Zugezogener ist. Also ein Einwanderer im Dorf. Hat er den nicht erwischt, als der zwei komischen Gestalten, bestimmt waren das Tippelbrüder, ne Flasche Bier rüberreichte.

Ne, nicht eine, jedem eine natürlich.

Die beiden haben sich auf die Zeitungskiste gesetzt, von der Sonne sich den Bauch bescheinen lassen und genussvoll das Bierchen geschlabbert.

Gut, das Berns das gesehen hat. Der Neue hatte doch keine Genehmigung für den Verkauf von Alkohol.

Wie das so seine Art ist, ist der langsam vorbei geschlendert, vorsichtig gepeilt, dann aber im Galopp nach Hause und Meldung erstattet. Wo sind wir denn hier, wenn jeder macht was er will? Im Amt war noch einer. hat den Anruf protokolliert! Jawoll, das ging gleich zu Protokoll!

Am nächsten Tag stand bei Georg einer vom Amt vor der Tür. Wollte sich wohl bedanken, meinte der Berns. Aber falsche Spur, möchte ich mal sagen. Rot vor Wut war der. Notdürftig, aber sogar sehr notdürftig beherrscht, knurrte der den Georg an. Was der sich wohl dabei gedacht habe. Hätte er man besser hingeguckt. Das waren keine Tippelbrüder, ne! Das waren zwei Mönche in üblicher Straßenkleidung, die zu Fuß unterwegs waren. Und die haben auf der Kiste gesessen und jeder eine Flasche alkoholfreies Bier, also so was wie Limo, getrunken. Das war nicht verboten sondern sehr  nett von dem Neuen. Der hat denen das sogar geschenkt. Georg sollte bloß froh sein, das der Neue dahinten Tränen gelacht hat und dem Georg nicht wegen Verleumdung anzeigen wollte.

Und wenn er wieder was melden wollte, solle er sich erst ne Brille kaufen und genauer feststellen was los ist. Wenn er das nich tut, kriegt er ne dicke Rechnung für den Einsatz und so.

Seit dem ist Georg Brens ganz verdattert und kennt die Welt nicht mehr.

Wie kann jemand alkoholfreies Bier trinken. Der muss doch vollkommen daneben sein. Nee, was für eine Zeit ist das heutzutage.

Grundnahrungsmittel zu fälschen. Pfui Deibel. Georg ist sicherheitshalber bei reinem Vollkorngetränk und Klaren geblieben.

Ja, so sind sie die alten Wikinger.

Man kann sie nur lieb haben.

Anders ist es manchmal ziemlich schwer mit denen.

So, nu ist Feierabend, auch für Tusnelda, schließlich muss ich fürs´ Abendbrot sorgen.

Plötzliche Liebe

 Plötzliche Liebe

Sogar in die Gegend unseres Dorfes müssen die Wikinger vorgedrungen sein. Bis heute hat sich in Wiek die Unsitte erhalten, immer mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Obwohl der modernen Kopfbedeckung die Hörner fehlen, stört dies die Männer nicht. Ob mit oder ohne Hörner, überall wird angestoßen, angeeckt oder etwas besorgt. Die Gastwirte freuen sich besonders darüber, Väter und manche Ehemänner weniger.

Dieser Brauch führt zu seltsamen Begebenheiten.

Bei Einkäufen in der Kreisstadt oder in Nachbardörfern heben sich die Stimmen und manchmal auch die Gesichtsfarbe, wenn als Wohnort Wiek genannt wird. Nicht selten ertönt dann in verschiedenen Stimmlagen: `O `Wiek. Wird das `O `kurz gesprochen, empfiehlt sich die umgehende Beendigung des Besuches. Bei geseufztem Vokal erwartet den Gesprächspartner eine längere Pause der süßen Erinnerung und unter Umständen mehr Wechselgeld als gedacht.

Natürlich weist der ordentliche Kunde daraufhin und startet möglichst sofort eine Geste der Versöhnung. Eine Einladung ins nächste Cafe, gleich nach Dienstschluss.

Je nach Vorgehensweise bei solchen Gegebenheiten sind viele Konferenzen nötig, um mit dem weiblichen Wesen die Lage zu klären. So auch im Falle meines Freundes Werner Kern.

Als ordentlicher Maurer braucht er für den Feierabend mit zwei Freunden dringend eine Flasche Korn zum Skat. Jan und Fiddi bestehen darauf, dass er diesmal die Marschverpflegung besorgt. Grundnahrung ist bei Skat unerlässlich. Zum Nachspülen steht Jans´ Kasten Bier und bei Hungeranfall Lachsbrötchen mit viel Zwiebeln parat. Fiddi lässt sich nicht lumpen!

Unser Werner steht nun ungeduldig an der Kasse. Endlich ist er an der Reihe und traut seinen Augen nicht. Da sitzt ein blonder langhaariger Engel. So was hat er hier noch nie gesehen. Verdattert findet er in der rechten Hosentasche kein Kleingeld. Schließlich gelingt es, einen zerknitterten fünfziger zu erfassen.

„Leider kein Kleingeld“ murmelt er und senkt sicherheitshalber den Blick. Der blonde Engel lächelt kess zurück „wer kurz vor dem Ersten immer noch soviel Geld hat, kann nicht arm sein.“

„Bei uns in Wiek wird immer gespart“ kommt als Echo aus dem Untergrund. Auch jetzt ist der Blick gesenkt, sicherheitshalber.

Die Kesse stutzt und seufzt `0` Wiek? Errötet bei dem jetzt doch zaghaft drängelnden Blick des jungen Mannes. So gibt plötzlich ein Wort das andere, die Kassenschlange der Wartenden wächst und wächst, die Unmutslaute werden trotzdem ignoriert, bis ein Rentner den Vorschlag macht, die Kunden sammeln das Wechselgeld und die beiden da vorne treffen sich zu Kaffee und Kuchen im Café gegenüber.

„Aber erst, wenn alle bezahlt haben“ ruft die Filialleiterin. Kopf und Beine schüttelnd, dragonert sie aus dem Lager.

„Dem Treiben der Jugend muss ein Ende gesetzt werden“, knurrt sie vor sich hin.

„Warum empören sie sich“ fragt einer aus der Schlange. „So alt sehen sie doch nicht aus, dass sie ihre Jugend vergessen haben könnten“ assistiert eine Kundin.

Aus dem Konzept gebracht bleibt sie stehen, holt tief Luft und jovialt, „na, wenn sie meinen, ist ja ihre Zeit“. Kehrt Schwenk und Marsch zurück ins Lager.

Unsere frischen Turteltauben sind sich inzwischen einig. Tee auf Stövchen und Zuckerzwieback. Aber jeder zahlt für sich.

„So!“ meint der Rentner spöttisch, „sie wollen also alles gemeinsam tragen. Ist das nicht ein bisschen früh, jetzt schon sein Geld zusammen zu legen?“

Schließlich hielt Werner nicht nur sein Wechselgeld in der Hand sondern auch die Finger der Kassiererin. Sich losreißend wollte er zum Ausgang. Doch der Rentner hielt ihn auf: „Weißt du denn wie sie heißt?“

Werner stutzte, rot anlaufend schüttelte er den Kopf.

„Nu sag schon deinen Namen sonst stehen wir Morgen noch hier“ rief jemand aus der Reihe.

„Antje“ flüsterte die Angesprochene.

„Was hat sie gesagt“ wollte ein schwerhöriger Opa wissen.

„Antje“ ruft der Enkel ihm ins Ohr.

„Kann man das auch kaufen? Bei uns früher hießen so die leckeren Mädchen. Aber heute ist alles anderes“.

„Nein, Opa. Sie hat ihren Namen gesagt. Der junge Mann da vorne ist doch in sie verliebt. Der muss doch wenigsten wissen wie seine Angebetete heißt“.

„Jau, min Jung, Da haste Recht“.

Dem Tumult war Werner inzwischen entkommen. Zwar rannte er dreimal an seinem Auto vorbei. Doch fand er auf Anhieb das Handy, verschob gegen den erbitterten Widerstand die Skatrunde um drei Stunden, schwebte über den Wolken dahin in das verabredete Café und wartete.

Die Chefin hat sie sogar eine halbe Stunde früher gehen lassen. Man soll Liebe nicht bremsen. Die erledigt sich oft genug bei näherer Kenntnis. Der erste richtige Blick reicht zum Verlieben, der zweite zum Träumen, der dritte zum Aufwachen.

Lange saßen sie zusammen, rückten näher und näher. Bis die Kellnerin meinte, mit übernachten sei hier nix. Außerdem habe sie jetzt Feierabend und wenn sie die verehrten Gäste bitten dürfte ihre Rechnung jetzt zu bezahlen. Antje suchte verlegen nach ihrem Geld. In der Aufregung hatte sie ihre Tasche im Laden liegen gelassen, so blieb es Werner überlassen auch ihren Anteil zu übernehmen.

„Aber Morgen Abend zu gleicher Zeit am gleichen Ort?“

„Sicher!“

Und so trafen sie sich hier einige Male, bis es ihnen zu langweilig wurde. Sie liefen durch die nahen Wälder, rannten an gülligen Wiesen vorbei, bis Antje bereit war, ihn zu Hause zu besuchen.

So gingen sie. Nicht nur in die gleiche Richtung, sondern auch eine Verbindung ein, die fester und enger werden sollte.

Aber mit der Zeit kam Werner der Verdacht, es gäbe einen anderen Menschen in ihrem Leben. Vielleicht ein Freund oder so. Sie war oft unauffindbar und dann wieder schweigsam. Hörner aufsetzen lasse er sich nicht. Das tue er lieber bei anderen.

Rot, Dunkelrot lief Antje an. Das mit dem Freund, das stimme nicht. Über das andere könne sie noch nicht reden.

„Kein Vertrauen?“

„Doch, aber es geht noch nicht“

Zeit spannt nicht nur Tage hintereinander. Auch die Nerven werden gezogen. Endlich sind diese so gereizt, dass ein relativ kontrollierter Ausbruch sinnvoller ist, als ein Reißen.

Werner war es leid. Diese Heimlichkeiten wollte er nicht mehr. Umständlich versuchte er zu erklären, dass sein Haus nur auf einem vernünftigen und übersichtlichen Fundament stehen kann.

Heulend, ratlos stand Antje da. Hilflos drehte sie sich um, stieg auf ihr Fahrrad und radelte davon.

Doch Werner unterschätzte Amors Betonklotz, der ihm dank Antje im Rücken getroffen hatte. Amor geht nicht nur mit der Zeit, er passt sich auch den Besonderheiten an. Bei einem Maurer reicht ein Pfeil nicht. Da muss schon handfestes her.

Den Schmerz spürte unser verliebter Maurer immer stärker, besonders das Ziehen in der Brust, wenn er an diese hinterhältige Person dachte. Sie fehlte ihm. Da halfen auch die Bierabende mit Freunden nicht. Alkohol verdoppelt, auch den Trennungsschmerz.

Einen Monat schleppten die Beine ihn zur Arbeit, taumelte er allein in sein Bett, um morgens mit dem Kater, aber ohne Antje aufzuwachen. Seine Hörner schwollen stärker und stärker. Er musste Wut ablassen. So eine Demütigung ließ er sich nicht gefallen. Wenigsten melden hätte sie sich können oder mal was erklären.

Streitkäppi aufsetzen, zur Antje fahren und klar Schiff machen.

Auflauern am Supermarkt. Doch sie war nicht da. Hat gekündigt, meinte die Leiterin. Wollte nicht mehr da sitzen und auf ihn warten.

Stinkwut gesellte sich zum Zorn. Zu ihrer Wohnung rennen, beinah die Tür einschlagen durch sein Geklopfe und rumschreien: „Komm heraus und erklär mal was das soll“.

Doch sie war nicht da.

Erschlagen, völlig am Ende kroch er zum Auto zurück, fuhr ohne einen Gedanken durch die Gegend, trat abrupt auf die Bremse.

Dort, am Kindergarten stand sie. Ein kleiner Junge umarmte sie. Hand in Hand gingen die zwei zur Bushaltestelle.

Aus dem Auto springend verstellte er ihr den Weg.

„Warum hast du nicht gesagt, dass du verheiratet bist und ein Kind hast? Warum diese Lüge?“

„Hab nicht gelogen, war noch nie verheiratet und hab kein Kind.“

„Und der Junge?“

„Das ist meine Heimlichkeit. Meine Schwester hatte einen Auslandsjob. Ein halbes Jahr sollte das dauern. Martin blieb bei mir. Aber das Flugzeug stürzte auf dem Rückflug ab. Sie kommt nicht mehr. Jetzt hat der Kleine nur noch mich.“

„Und der Vater?“

„Den hat sie immer verschwiegen. Niemand kennt seinen Namen.“

„Und warum haste das nicht gesagt, dass wir ein Kinderzimmer mehr brauchen? Dumme Pute. Und werd nicht immer rot“

„Aber nur vor Freude, du blöder Hammel,“

„Nein, nicht Hammel, bin ein echter Wikinger.“

 

Jetzt wohnen sie im neuen Haus, mit ihren fünf  Kindern.

Oder werden es….

Das weiß noch keiner so genau.

Aber ich krieg das raus, so wahr ich Tusnelda heiße..

Ankunft

Ankunft

`O`Wiek liegt überall, sagte Oma immer.

Und die muss es ja wissen. Schließlich ist sie weit herumgekommen und war überall in Stellung. Gearbeitet hat die immer. Immer fleißig und rege. Aber trotzdem reichte es oft nicht mal zum Leben.

So war sie auch hoch im Norden bei den Pfeffersäcken in Burg in Arbeit. War eigentlich die beste und angenehmste Stellung. Hat sie immer geschwärmt. Großes Haus, großer Garten, so´n richtiger Park. Alles voller Blumenbeete, aber mehr so im Kreis um eine Mitte herum. Da standen dann dicht gewachsene Sträucher um eine Gartenbank mit Rasenfläche herum. Wenn man geschafft war von der Arbeiterei konnte man sich dort verstecken und ausruhen. Da sah einen keiner und man hatte seine Ruhe.

Und im Haus alles tolle weiche Teppiche, gepolsterte Stühle, so mit komischen Blumenmuster und tolle Anti—äh..na so tolle olle, nee nich Weiber, was ihr immer gleich denken müsst, Schränke meine ich. Auch die, die nur halb fertig geworden sind. Das muss wohl im Krieg gewesen sein. Warum? Na weil die nur halb so hoch waren wie die richtigen Schränke. Im Krieg ist alles teurer auch das Holz, weiß doch jeder.

Nee, nich immer unterbrechen und wehrte mit der Hand Einwände und Fragen ab.

Vielleicht hat der Florian was von dem grünen Zeug im Park mitbekommen. Hat schon den richtigen Namen.

Eines Tages gefiel der Gnädigen die Visage von Oma nich mehr. Aber Oma war immer fleißig. Musste die Gnädigste auch zugeben. Hat bestätigt, dass eine so fleißige, stets willige und mitarbeitende Dienstkraft wat besseres verdient hat als nur ihr Haus. Hat sie dann weiter vermittelt und ihr ein prima Zeugnis mitgegeben. Hat sich Oma auch gleich vorlesen lassen.

Da stand von: immer sauber, sehr ordentlich, arbeitsam, verschwiegen, stets für die Herrschaft da, willig und immer mitdenkend und mitarbeitend. War schon gut, wat die Gnädigste da geschrieben hat.

Wär auch nich richtig gewesen, wat anderes zu schreiben.

So kam Oma also nach ganz oben. Das muss ein Haus gewesen sein, von dem jeder träumt.

Auf der einen Seite der Park mit den Wald dahinter, bei der anderen Seite haste auf das Wasser gepeilt. Da, wo die großen Schiffe anlegen. Und die vielen fleißigen Arbeiter rum rennen. Nur junge Kerls schafften das, den ganzen Tag die schweren Säcke schleppen

Oma erzählte, dass die dicksten Säcke besonders viel Korn, Tee, Gewürze und so andere feine Sachen enthielten. Auch Teppiche, einer schöner als der andere, schleppten sie von den Schiffen.

Einer von den jungen Kerls gefiel ihr besonders. Das war der Jan. Schmucker junger Seemann. Mit dem ging sie auch. Aber irgendwann war das Schiff wieder repariert und er musste los. Nach der Reise habe er genug Geld, dann blieb er bei ihr an Land. Das Geld würde bestimmt für einen kleinen Bauernhof reichen. Sie würden heiraten, dort leben. Dann wäre sie Bäuerin und keine Dienstmagd mehr.

Aber das Schiff sank mit Mann und Maus im Sturm. Alles und jeder wurde in die Tiefe gerissen.

Auch die Herrschaft hat bei der Nachricht geweint. Haben viel, viel Geld verloren.

Und Oma stand dann mit zwei Kindern allein da. Das, was der Bruder meiner Mutter ist, der Jan, muss wat vom Vater haben. Immer alles mit Holz und Salzwasser. Das iss was für ihn.

Aber da oben, dat war nix mehr für sie. Immer wenn ein Schiff kam, suchte sie nach Jan. Kann man verstehen, ne?

Und dann kam ein Schiff, hatte so´n komischen Namen.  Drachen nannten die Leute das Ding. Komische Männer waren da drauf. Helme mit Hörnern. Dat waren die Wikinger. Knallten mit den Hörnern überall gegen, wenn der Preis zu hoch war oder se nicht kriegten was sie wollten. Gemein konnten die dann werden. Manche Frau, die nicht rechtzeitig aus dem Weg ging, wurde richtig aufgespießt. Der Gnädigen von Oma ist das auch passiert. Aber Oma ist rechtzeitig abgehauen und hat sich versteckt. Später hat sie die Gnädige gefragt, was das für Kerle waren. Oh, hat die gemeint, so Typen kommen immer wieder mal vorbei. Bringen viel Aufregung und Abwechslung in unsere Kleinstadt. Aber man ist froh, wenn die wieder weg sind. Die Strapazen sind auf Dauer zu groß.

Hat dann auch gekündigt. In allen Ehren und ohne Hintergedanken hat die Gnädige ihr ein klasse Zeugnis ausgestellt und sie noch mal eindringlich vor den Wikingern gewarnt. Die treiben sich hier im Norden überall herum.

So iss se dann an den Busen vom Meer gekommen. War ein weiter Weg.   Aber der Busen hatte noch einen Zusatz. War was wie Chinesisch klang.  Irgend ein Edelstein soll das gewesen sein.

Da bekam sie dann meine Mutter. Hat sich richtig verjagt, die Gute. Die Kleine war dem Jungen von ne letzte Herrschaft wie aus dem Gesicht gerissen. Konnten sie nicht verstehen. Die waren nur einmal im Kornspeicher….. Na, ja so iss es eben. Aber der Lümmel muss wirklich gut ausgesehen haben, wenn ich so meine Mutter ansehe. Schade, dass ich mehr nach Vattern rauskomme.

Mit drei Kindern im Schlepptau kam sie nach langer Wanderung bis innen Osten an eine große Insel und dort auf ein kleines Kaff. Da standen nur drei Höfe. Hatten sich richtig verbarrikadiert. Gegen alles, jedes und jeden. Hat die Natur bei geholfen. Hinten flaches Sumpfgelände und viel Moor, fast wie  ne richtige Bucht und davor ne kleine Anhöhe im Flachland. Komischer Ort und noch komischere Typen hausten da. Hatten in ihrem tief liegenden Sumpfgelände sogar einen Höhenweg. Ne, so was.

Da lernte sie meinen Opa kennen. Der hatte da hinten im Moor ne Kate. Und fabrizierte da Kohle aus Holz und Torf. Wegen der schweren Arbeit und den vielen Mücken im Wasser haben die gern und oft einen gehoben. Die Leute aus den Nachbarorten spotteten immer. Die saufen da tüchtig oder stechen Torf.  Na ja, aber rein gespuckt haben die anderen auch nicht. Und wenn ich an die Streiche denke, die sie sich gegenseitig gespielt haben, stehen die sich in Nichts nach. Und wenn ein Streich zu doll war, schimpften alle über das christliche Lumpenpack. Aber das war auch stark übertrieben. Auch in ner Wut kann man das nich sagen. Aber et sind alles Menschen, ob se wollen oder nich.

Außerdem, Oma war wieder schwanger. Onkel Piet kam am Sonntag, den 1. Mai an.

Bei der Hochzeit hat Oma gefragt wie die Siedlung eigentlich heiße, wo se jetzt wohnt. Hat aber nich richtig verstanden wegen dem Lärm den die Gäste machten. Und hat dann gemeint, wat denn, Wiek? Oooo – Wiek, na ja, is ja auch egal. Hauptsache wir sind glücklich.

So war se denn endlich zu Hause.

Hat die Kinder großgezogen, Haushalt geschmissen und bei der Arbeit geholfen. Hartes Leben. Aber wir sollten es besser haben.

Tun wir auch!

Jetzt schleppen wir die Ballen nich mehr, schmeißen se in die Karre und schieben die doppelte Anzahl wie früher zum großen Haufen, damit se trocknen. Das nennt man große Erleichterung bei der Arbeit. Is ja auch so. Jetzt schaffst de das doppelte mit mehr Kraft in gleicher Zeit wie früher das Wenige oder so. Trotzdem haben die Männer es im Kreuz, die Familien weniger vom Vattern und auch nich mehr Geld. Denn du kannst nicht mehr kaufen als früher, auch die Preise haben das Laufen gelernt.

So, jetzt genug geredet. Es ist spät und die Rasselbande muss schlafen. Morgen erzähl ich dann weiter.

Gute Nacht.

Ging von Bett zu Bett, gab jedem der vier Trabanten einen Kuss, schloss leise die Tür und blieb horchend stehen. Natürlich gab der Nachwuchs keine Ruhe. Aber nach der dritten eindringlichen Ermahnung war dann endlich Stille.

Müde setzte sich Tusnelda neben ihren Björn und lehnt sich an ihn.

Aufsteigende Wärme breitete sich in ihr aus, wohlige Geborgenheit mischte sich mit Müdigkeit.

Komm, mach den Apparat aus, bin müde.

Zu müde?

Mal sehen, zögerte sie.

Dunkle Wolken

Und wieder nahen sich die dunklen Wolken

der schwarzen Tage trüber Sinn

verstummend schweigt,
verkriecht sich alles Leben

und Angst und Sorge machen den Gewinn.

Das Herz weint still und leise

ein Schrei, den keiner hört

Tränen rinnen lautlos

und

bleiben ungezählt.

Trauerflor umgibt das Leben

die schwarze Rose wiegt sich leis
doch kein Hauch lässt schwanken sie im Kreise

der Seufzer Atem ist ihr Wind.